• Videos des Vortrags auf Youtube:
Der informative und interessante Vortrag von Professor Monheim (06.06.2012) ist auch online auf Youtube abrufbar:
Häufigere und bessere Bus- und Bahnverbindungen, Fahrrad- und Fußgänger-freundliche Innenstädte, weniger Verkehrsunfälle, weniger Lärm und mehr Lebensqualität und Urbanität – auf diese Worte zusammenfassen ließe sich die Vision, die die regionalen Akteure der Bürgerinitiative IG Ratheimer Bahn und der Verkehrsgeograph Prof. Dr. Heiner Monheim teilen. Um zu einem Strukturwandel im Bereich der Mobilität in der Region anzuregen, hatte die Bürgerinitiative den renommierten Verkehrsexperten am 06.06.2012 nach Hückelhoven eingeladen.
  • Prof. Dr. Heiner Monheim zur Verkehrspolitik in Hückelhoven: „nicht zukunftsfähig!“
Unter dem Titel "Mobilitäts-Strukturwandel in Hückelhoven?!" hatte die Bürgerinitiative IG Ratheimer Bahn am 6. Juni in das Hückelhovener Hotel am Park eingeladen und über 60 Personen waren diesem Aufruf gefolgt. Referent des Abends war der renommierte Verkehrswissenschaftler Professor Dr. Heiner Monheim aus Bonn.

Monheim erinnerte zu Beginn seines Vortrages an die Eisenbahnindustrie in der Region: Bombardier (Talbot) in Aachen sowie Siemens in Krefeld-Uerdingen und Wegberg-Wildenrath. Daraus folgend müssten die Bürgermeister eigentlich schienenaffin sein. Es sei „absurd“, wenn die „Politik in Hückelhoven immer nur im Automaßstab“ denke. Denn das Auto sei nach Monheim ein „Auslaufmodell“. „Manchmal kommt man sich hier in Hückelhoven vor, als sei man in den USA – so zersiedelt ist das hier. Das ist Suburbia im Quadrat, was wir hier haben.“ Diese Strukturen seien, auch gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, des Klimawandels und aufgrund der steigenden Kraftstoffpreise nicht zukunftsfähig. „Es gibt tolle Rezepte und man weiß, wie es anders geht“. Monheim empfahl einen Blick über die nahe gelegene Grenze in die Niederlande, „da wimmelt es von Fahrrädern und gut vertakteten Bus- und Bahnverbindungen“. Die Leute seien auch hier „nicht wild auf Straße und Auto“, so Monheim. Sobald das Angebot auf der Schiene stimmt, merken sie: „Okay, das schmeckt gut! Und nutzen das Angebot auch.“
 
  • Kritik auch am Hückelhovener Busverkehr
Verpasste Anschlüsse und ein unvertaktetes Angebot würden aus dem öffentlichen Nahverkehr „eine unwirtschaftliche Veranstaltung“ machen: „Das, was Sie im Moment hier haben, ist kein Bussystem! Da fahren zwar Busse rum und die werden im Wesentlichen durch den Schülerverkehr finanziert, aber der Rest des Marktes interessiert nicht so wahnsinnig.“ Zur Verbesserung der Situation schlug Monheim die Einrichtung von intelligenten Stadtbus-Systemen vor, wie die von ihm mitentwickelten Systeme im ländlichen Raum (Ostwestfalen). Bus und Schiene dürfe man laut Monheim nicht gegeneinander ausspielen: „Die gehören zusammen im Bus-Schiene-Konzept. Ohne eine Schiene kann ein Bussystem nicht so viel leisten, wie mit einer Schiene.“ Zur Bahnstrecke führte Monheim aus: „Die Schienenstrecke Baal – Ratheim liegt ja nicht irgendwo, die geht mitten durch die Stadt und hat Riesenpotential. Auch, wenn die Schienen schon rausgerissen sind, da ist noch der Strang, die Fläche, auf die man Gleise legen könnte.
 
Wenn erstmal die Trasse entwidmet ist, wenn die Zweckbindung weg ist, dann ist Schluss!“ Heiner Monheim bedauerte das Fehlen von Bürgermeister Bernd Jansen: „Das ist schade, denn ich hätte schon gerne gewusst, warum er so überhaupt gar nicht in den Kategorien des Schienenverkehrs und öffentlichen Verkehrs denkt. Wenn ich richtig höre, ist er aus einer politischen Ecke, wo Schöpfung, Zukunft, nächste Generation eigentlich hohe Priorität haben sollte. Und ich wüsste viele gute Gründe der Zukunftssicherung, der Schöpfungs-Sicherung, der Sicherung für die nächste Generation, warum man hier andere Prioritäten setzen muss.“
  • Anschließende Diskussion – Entwidmung wäre laut Monheim „finaler Todesstoß für die Strecke“
In der anschließenden Diskussion wurde den Bürger/innen die Möglichkeit gegeben, offene Fragen zu stellen. Der ehemalige CDU-Ratsherr Wilhelm Pinger merkte an, dass die Eisenbahninfrastruktur bereits ausgeschrieben wurde, aber Niemand Interesse daran bekundet hätte. Weiterhin seien die Kosten zu berücksichtigen. Monheim reagierte: „Wenn man will, dann bemüht man sich und macht eine faire Potentialanalyse. Man sollte Ideen haben, innovativ sein und dann mit diesen Ideen und den Möglichkeiten, die uns heute die Fahrzeugtechnik und die Betriebstechnik liefert, die Reaktivierung vorantreiben. Jede Wette – Sie sind kein Kaff mit 3.000 Einwohnern, Sie sind eine Stadt – da ist jede Menge Potential für bis zu 4.000 Fahrgäste am Tag. Es gibt in NRW viele Schienenverkehrsunternehmen, die scharf auf sowas sind, da muss man Klinken putzen, die muss man heranholen, dann kommen sie auch!“

Brigitte Brenner, Fraktionsvorsitzende der Hückelhovener Grünen, betonte, dass sowohl die Verantwortlichen bei der Stadt als auch ein Großteil der Stadtverordneten sehr schlecht über die Entwidmungs-Problematik informiert seien und bedauerte, dass die Stadt sich nicht intensiver die Fachkenntnis der ehrenamtlichen Fachleute der Bürgerinitiative IG Ratheimer Bahn zu Nutze gemacht habe. Erst die Bürgerinitiative habe deutlich machen können, dass eine Teil-Entwidmung der Bahnflächen der L 117n nicht entgegen stünde. Professor Monheim betonte daraufhin, dass es nicht sinnvoll sei, Schiene und Straße gegeneinander auszuspielen: „Man muss konstruktiv nach Lösungen suchen. Es ist eine Frage des Wollens und des Wissens. Und wenn es da Wissens-Defizite seitens der Stadt gibt, dann muss man sich das Wissen doch holen.“ Weiter sei eine Entwidmung der Strecke der „endgültige Todesstoß.“
 
Die Landtags-Abgeordnete Dr. Ruth Seidl hinterfragte die Herangehensweise der Stadt, bemängelte das Fehlen einer plausiblen Begründung der Stadt und forderte eine ausgesprochene Transparenz ein: „Wenn die Stadt die Entwidmung möchte, müsste diese ihre Position auch deutlich und begründet darlegen.“ Monheim stellte daraufhin klar: „Wer eine Trasse erhalten will, kann sie nicht entwidmen.“ Weiter seien Schienenstrecke und L 117n kein Widerspruch: „Sie kriegen Ihre Umgehung und die Umgehung ist kein Grund, keine Schiene zu bekommen.“ Monheim betonte die Möglichkeit der trennscharfen Entwidmung.

Detlef Neuß, Sprecher der Mönchengladbacher PRO BAHN-Gruppe führte die Regiobahn (S 28 Kaarst – Mettmann) als positives Beispiel für gelungenen Schienenverkehr an. Da habe man sich hoffnungslos verkalkuliert, denn: „Da sind nachher so viele Leute mit gefahren, der Ansturm war gar nicht zu bewältigen.“ Statt eine Machbarkeitsstudie für Baal – Ratheim anzufertigen, rede die lokale Politik lieber über Dinge, von denen sie keine Ahnung habe, führte Neuß kritisch aus. Heiner Monheim regte an, sich nicht ausschließlich mit der Bahntrasse Baal – Ratheim zu befassen, denn in Hückelhoven läge mehr im Argen: „Hier ist das ganze Bus-Schiene-Konzept nicht vernünftig entwickelt.“ Monheim schlug eine Verbesserung des kommunalen Busverkehrs vor. „In einem solchen Gesamtpaket macht sich die Reaktivierung wunderbar und ihre Umgehungsstraße muss da überhaupt keinen Schaden nehmen!“
 
  • Best-practice: Heinsberg
Michael Bienick, Geographie-Student und Mitinitiator der Bürgerinitiative IG Ratheimer Bahn betonte, man solle in die Nachbarstadt Heinsberg schauen, dort habe man mit „Beharrlichkeit und Engagement“ den Reaktivierungswunsch vorangetrieben. Günther Steinhauer, Geschäftsführer der Selfkantbahn, unterstrich die Bedeutung des Schienenverkehrs für die Daseinsvorsorge und stellte heraus, dass es deutschlandweit kein Reaktivierungsprojekt gäbe, bei dem „nicht die Fahrgastprognosen im Nachhinein um ein Vielfaches übertroffen wurden.“ Heinz Hofmann, Verkehrsplaner aus dem Selfkant regte (bereits in einem Konzept aus dem Jahr 1993) an, die Schienenstrecken Baal – Ratheim und Lindern – Heinsberg in ein Regio-Tram-Konzept einzubinden und via Heinsberg-Unterbruch und Wassenberg-Orsbeck miteinander zu verbinden, um auf diese Weise attraktive umsteigefreie Direktverbindungen schaffen zu können.
 
Im Schlusswort empfahl Heiner Monheim, Ängste von Ratsmitgliedern bezüglich der L 117n ernst zu nehmen und abzubauen. Man müsse hartnäckig am Thema dran bleiben und Bewegung in die Reaktivierung Baal – Ratheim zu bringen. „Das wäre es wert, denn das ist schon ein schönes Zukunftsprojekt!“
 
  • Gespräch im Landtag
Am 19.06.2012 wurde die Bahnstrecke Baal - Ratheim bei einem zielgerichteten und erfolgreichen Gespräch im NRW-Landtag thematisiert. Mit dabei waren die Landtagsabgeordnete Dr. Ruth Seidl, der Sprecher der IG Ratheimer Bahn, Michael Bienick, die Hückelhovener Grünen Brigitte Brenner und Ulrich Horst sowie der Landtagsabgeordnete und Verkehrsexperten der Grünen, Arndt Klocke. Beim Gespräch wurde das gemeinsame Interesse an einem Widmungserhalt der Bahnstrecke herausgestellt. 

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1911 wurde in Baal die Eröffnung der neuen Strecke Jülich - Dalheim gefeiert. Heute rund 100 Jahre später engagieren sich Bürger gegen den endgültigen Niedergang des Teilstücks Baal - Ratheim (Foto: wikipedia)
1911 wurde in Baal die Eröffnung der neuen Strecke Jülich - Dalheim gefeiert. Heute rund 100 Jahre später engagieren sich Bürger gegen den endgültigen Niedergang des Teilstücks Baal - Ratheim (Foto: wikipedia)
Vorbild Euregiobahn: Seit 2001 erfolgreicher Personenverkehr auf zahlreichen reaktivierten Bahnstrecken in der Region (Foto: M.Bienick)
Vorbild Euregiobahn: Seit 2001 erfolgreicher Personenverkehr auf zahlreichen reaktivierten Bahnstrecken in der Region (Foto: M.Bienick)
So funktioniert in Zeiten des Klimawandels und teurer Kraftstoffpreise innovative Fortbewegung: Rurtalbahn nach Düren im Bahnhof Linnich (Foto: M. Bienick)
So funktioniert in Zeiten des Klimawandels und teurer Kraftstoffpreise innovative Fortbewegung: Rurtalbahn nach Düren im Bahnhof Linnich (Foto: M. Bienick)